"Bitterkeit" im Fußball: Warum Trainer und Spieler auf Kampfgeist schwören
Rolf-Peter Scheel"Bitterkeit" im Fußball: Warum Trainer und Spieler auf Kampfgeist schwören
Fußballtrainer und Spieler sprechen oft von der Notwendigkeit von "Bitterkeit" auf dem Platz. Der Begriff hat sich zu einer gängigen Umschreibung für den Kampfgeist einer Mannschaft entwickelt. Doch was bedeutet es wirklich, im Fußball "bitter" zu sein – und bringt es tatsächlich etwas?
Bundestrainer Julian Nagelsmann forderte kürzlich von seinen Spielern "Gier und Bitterkeit" vor dem Spiel gegen Nordirland. Bayern Münchens Mittelfeldspieler Joshua Kimmich griff diesen Gedanken auf und beschrieb sich selbst als "bitterer, zäher, gnadenloser". Manche Spieler gehen sogar so weit zu sagen, es solle sich "ekelerregend" anfühlen, gegen sie anzutreten – ein Begriff, den sie der Philosophie entlehnen, wo Ekel in Jean-Paul Sartres Roman "Die Ekel" (1938) eine zentrale Rolle spielt.
Doch nicht jede erfolgreiche Mannschaft setzt auf diese Einstellung. Das kürzliche 7:0 gegen Leverkusen war ein Triumph der Klasse und eiskalten Chancenverwertung, nicht der Bitterkeit. Gleichzeitig wird der Aufstieg von Arminia Bielefeld darauf zurückgeführt, "deutlich bitterer" gewesen zu sein als die Konkurrenten. Die Diskussion erstreckt sich sogar bis ins Training: SC Freiburgs Stürmer Maximilian Philipp wurde einst kritisiert, weil ihm in den Einheiten die nötige Bitterkeit gefehlt habe.
Sportjournalisten greifen häufig zu Begriffen wie "gnadenlos", "beißend" oder "hungrig", um Mannschaften zu beschreiben. Doch die Wissenschaft sagt: Bitterkeit und Hunger schließen sich aus – bittere Galle wird nach fettigem Essen produziert, nicht bei leerem Magen. Spieler und Trainer müssen sich also entscheiden: Wollen sie hungrig nach Erfolg sein – oder bitter im Kampf?
Die Rhetorik der Bitterkeit durchzieht die Fußballwelt, von den Trainingsplätzen bis zu den Pressekonferenzen nach dem Spiel. Doch ihr echter Einfluss bleibt unklar. Manche Teams gedeihen damit, andere siegen durch reines Talent – die Frage bleibt: Ist Bitterkeit eine Einstellung oder nur ein weiteres Modewort?






