Warum die Kapitalismuskritik trotz Neoliberalismus an Schwung verlor
Jacqueline RöhrdanzWarum die Kapitalismuskritik trotz Neoliberalismus an Schwung verlor
Seit Jahrzehnten wird der Kapitalismus in seinen verschiedenen Ausprägungen kritisiert – von der Konsumkultur bis hin zu struktureller Ungleichheit. Doch seit den 1970er-Jahren hat der Aufstieg des Neoliberalismus diese Debatten neu geprägt. Ein neuer Sammelband mit dem Titel Krise der Kritik untersucht nun, warum sich der Widerstand gegen den Kapitalismus nur schwer durchsetzen konnte – obwohl sich neoliberale Politiken weltweit ausbreiteten.
Die Kapitalismuskritik richtete sich schon lange gegen den Konsumismus. Die Frankfurter Schule und die Neue Linke verbanden in den 1960er-Jahren den Massenkonsum mit tieferliegenden systemischen Fehlentwicklungen. 1968 flossen in den Protesten antikapitalistische Argumente mit der Ablehnung der Konsumgesellschaft zusammen. Doch diese Tradition begann nicht erst mit dem Neoliberalismus – sie entstand früher, während des Nachkriegbooms, als der Wohlstand selbst zum Ziel von Skepsis wurde.
Wissenschaftler:innen diskutieren seitdem, wie der Neoliberalismus zur vorherrschenden Ideologie werden konnte. Manche betonen wirtschaftliche Umbrüche, etwa die Krisen, die Sozialdemokrat:innen und linksliberale Kräfte dazu zwangen, marktfreundliche Reformen zu übernehmen. Andere verfolgen die geistigen Wurzeln neoliberaler Ideen und zeigen, wie diese über konservative Kreise hinaus an Einfluss gewannen. Doch der Begriff "Neoliberalismus" selbst ist oft irreführend, da er eine fragmentierte Realität vereinfacht.
Der Sammelband lenkt den Blick auf ein weiteres Problem: die Schwäche der Neoliberalismus-Kritiker:innen. Selbst die Gründung der Partei des Demokratischen Sozialismus (PDS) in den 1990er-Jahren vermochte es nicht, eine starke antikapitalistische Opposition wiederzubeleben. Ohne eine schlagkräftige linke Alternative stießen neoliberale Politiken trotz ihrer weitreichenden Folgen auf wenig Widerstand.
Das Buch argumentiert, dass ein Verständnis der heutigen politischen Landschaft über den Neoliberalismus hinausgehen muss. Es plädiert dafür, genauer zu analysieren, warum die Kapitalismuskritik an Kraft verloren hat. Damit will es die gesellschaftlichen Veränderungen erklären, die seit den 1970er-Jahren stattgefunden haben – und warum der Widerstand dagegen bis heute zersplittert bleibt.






