Kratzers provokante Schumann-Inszenierung spaltet die Hamburger Staatsoper
Rolf-Peter ScheelKratzers provokante Schumann-Inszenierung spaltet die Hamburger Staatsoper
Die Hamburger Staatsoper präsentiert eine mutige Neuinszenierung von Robert Schumanns Oratorium Das Paradies und die Peri
Unter der Regie von Tobias Kratzer feierte die Premiere des Werks mit immersiver Bühnenkunst und zeitgenössischen Bezügen einen konventionellen Bruch. Zwar reagierten einige Zuschauer mit Buhrufen, doch überwiegt die begeisterte Zustimmung für Kratzers kühne Vision.
Das Oratorium, inspiriert von Thomas Moores orientalischer Erzählung aus Lalla Rookh, erzählt von Peri, einem engelhaften Wesen auf der Suche nach einem Geschenk, das ihr den Eintritt ins Paradies ermöglicht. Kratzer und Bühnenbildner Rainer Sellmaier deuteten die Handlung neu – mit aktueller Brisanz: Sie zeigten einen modernen Krieg und einen schwarzen Mann, der sich einem Herrscher widersetzte. Zudem thematisierte die Inszenierung die Klimakrise, etwa durch Kinder, die unter einer verschmutzten Plastikkuppel auf der Bühne spielten.
Kratzers Regie durchbrach konsequent die vierte Wand – mit Kameras, Lichtinstallationen und sogar Publikumseinbindung. In einer Schlüsselszene stieg die Peri-Darstellerin Vera-Lotte Boecker ins Parkett, setzte sich neben einen weinenden Mann und symbolisierte so Mitgefühl als Schlüssel zum Paradies. Ein weiterer intensiver Moment zeigte einen sterbenden Jungen, der Blut über Peri goss, woraufhin eine Zuschauerin "Buh!" rief und den Saal verließ.
Die Premierenreihe umfasste zudem neue Musiktheaterabende wie Monsters Paradies von Olga Neuwirth und Elfriede Jelinek. Kratzer, nun Intendant der Oper, will das Haus für die gesamte Hamburger Gesellschaft öffnen. Seine Zusammenarbeit mit GMD Omer Meir Wellber verlieh dem Chor dynamische, szenische Rollen – eine Verschmelzung von Schumanns Romantik mit drängenden Gegenwartsthemen.
Die Mischung aus Provokation und Innovation hinterließ einen starken Eindruck. Mit Klimakommentar, Kriegsbildern und direkter Publikumseinbindung setzt Kratzers Das Paradies und die Peri einen neuen Ton für die Hamburger Staatsoper. Die Premiere markiert den Beginn seiner Amtszeit – und den Aufbruch zu gesellschaftlich relevanteren, visuell gewagteren Aufführungen.






