Digitaler Stillstand: Warum Deutschlands Schienen im Analogzeitalter feststecken
Jacqueline RöhrdanzDigitaler Stillstand: Warum Deutschlands Schienen im Analogzeitalter feststecken
Ein Güterzug mit fast 700 Metern Länge ist von den Niederlanden nach Deutschland unterwegs und transportiert 50 Container. Am Steuer sitzt Hans Blom, ein Lokomotivführer mit fast vier Jahrzehnten Erfahrung. Seine Fahrt verdeutlicht den eklatanten Gegensatz zwischen Europas digitalen Bahnambitionen und der aktuellen Realität auf den Schienen.
Bloms Route beginnt in den Niederlanden, wo der Betuwe-Güterkorridor – ausschließlich für Frachtverkehr konzipiert – ohne Halte und Bahnübergänge auskommt. Diese hochmoderne Strecke erfüllt bereits heute die künftigen europäischen Digitalstandards. Doch sobald der Zug die deutsche Grenze überquert, wechselt das System zu älterer nationaler Signaltechnik.
Das deutsche Schienennetz ist größtenteils noch nicht digitalisiert. Nur 500 Kilometer – etwa 1,5 Prozent der Gesamtstrecke – sind mit dem europäischen Zugsteuerungssystem ETCS (European Train Control System) ausgestattet. Dieses übermittelt Signale per streckenseitiger Transponder an ein Monitor im Führerstand, regelt die Geschwindigkeit und ermöglicht Automatisierung. Doch die flächendeckende Einführung stockt. Die Deutsche Bahn hatte ETCS ursprünglich im Rahmen von Modernisierungen einführen wollen, musste die Pläne aber wegen häufiger Störungen und maroder Infrastruktur zurückfahren. Auch die Finanzierung hinkt hinterher: Bewilligte Mittel bleiben oft ungenutzt. Das Bundesverkehrsministerium räumt ein, dass die Digitalisierung der Bahn jahrelang unterfinanziert wurde. Selbst in Baden-Württemberg, wo die Region Stuttgart im Rahmen von Stuttgart 21 modernisiert werden soll, fehlt moderne digitale Bahntechnik. Größere Fortschritte sind erst nach Abschluss von Stuttgart 21 zu erwarten – die Elektrifizierung der Hochrheinstrecke 730 soll erst im April 2026 beginnen und bis Ende 2027 dauern.
Bloms Fahrt wird zusätzlich durch Umleitungen und kurzfristige Baustellen erschwert, etwa durch spontane Reparaturen an beschädigten Gleisen. Diese Verzögerungen zeigen die Herausforderungen, vor denen sowohl Güter- als auch Personenzüge stehen.
Die Strecke von Kijfhoek nach Duisburg offenbart die ungleiche Entwicklung der Bahn-Digitalisierung in Europa. Zwar verspricht ETCS reibungslosere, standardisierte Abläufe, doch Deutschlands überaltertes Netz und Finanzierungslücken bremsen die Umsetzung aus. Bis auf Weiteres müssen Lokomotivführer wie Blom bei jeder Fahrt ein Flickwerk aus alten und neuen Systemen bewältigen.
